Reine Verschleierungstaktik als Hintergrund der Internetsperren, kinderleicht zu umgehende Technik und die eigentlich bereits gesetzlich gefestigte Möglichkeit, Kinderporno-Server einfach aus dem Netz zu nehmen: Diese und andere fundierte Kritik an den von der deutschen Bundesregierung geplanten und womöglich von der österreichischen übernommen werdenden Schein-Maßnahmen wird mittlerweile auch über die Massenmedien publik. Den hartnäckigen Verfechtern der Internetsperren stößt dies natürlich sauer auf – was wäre also naheliegender, als einfach das Volk zu befragen, was es von Kinderporno-Sperren im Internet hält?
So oder so ähnlich muss der Gedankengang der Deutschen Kinderhilfe (DKH), eines etwas dubiosen Vereins, ausgesehen haben, bevor sie das Umfrageinstitut Infratest mit einer Befragung über die gesellschaftliche Akzeptanz potentieller Netzsperren beauftragt hatte. Das erstaunliche Ergebnis: 92% Zustimmung für die Pläne Ursula von der Layens, die restlichen 8% wurden von DKH-Chef Georg Ehrmann somit schnell als „Internetliebhaber, Blogger, im Grunde also um eine Minderheit“ entlarvt.
Jetzt nahm sich jedoch Christian Bahls der Sache an, der den Verein Mogris – Missbrauchsopfer gegen Internetsperren gründete und das Blocken von Kinderporno-Seiten als das sieht, was es eigentlich ist: ein halbherziges Augenverschließen vor der weiterhin realen Existenz der dahinterliegenden Datenserver. Mittels einer eigenen Umfrage, ebenfalls bei Infratest in Auftrag gegeben, kam er zum genau gegenteiligen Ergebnis: 90% sprachen sich dieser zufolge gegen die Internetsperren aus – womit Bahls jedoch keinen Kleinkrieg zwischen zwei meinungskonkurrierenden Vereinen entfachen wollte, sondern lediglich aufzeigt, wie leicht ein gewünschtes Ergebnis mittels Suggestivfragen erzielt werden kann.
So ließ die DKH folgende Frage an 1000 Repräsentativbürger stellen:
Die Bundesregierung plant ein Gesetz zur Sperrung von kinderpornographischen Seiten im Internet. Kritiker befürchten eine Zensur und bezweifeln die Wirksamkeit solcher Sperren. Befürworter betonen dagegen, dass solche Sperren eine sinnvolle und wirksame Maßnahme gegen die Verbreitung solcher Bilder sind. Wie sehen Sie das: Sind Sie für ein Gesetz zur Sperrung kinderpornographischer Seiten im Internet oder dagegen?
Mogris wiederum wollte wissen, ob man der folgenden Aussage zustimme oder nicht:
Der Zugang zu Internetseiten mit Kinderpornographie sollte durch eine Sperre erschwert werden, das reicht aus, auch wenn die Seiten selbst dann noch vorhanden und für jedermann erreichbar sind.
Und Überraschung: Lediglich 5% der Befragten stimmten dieser Aussage zu, mehr als 90 Prozent lehnten sie ab. Die Aussage „Internetseiten mit Kinderpornographie sollten konsequent gelöscht und die Betreiber strafrechtlich verfolgt werden.” befürworteten hingegen ganze 92%, jene nach einer völligen Freiheit im Internet (also auch beim Ansehen von kinderpornografischem Material) gerade mal 2%.
Bei der DKH, die die Entscheidungsfrage zwischen einem „völlig freien (von staatlicher Kontrolle, Anm.) Internet“ und einem „in dem vom Staat bestimmte strafbare Inhalte auch kontrolliert und gesperrt werden können“ stellt, sprachen sich hingegen 9% für die völlige Netzfreiheit aus, 84% lehnten diese ab und waren für die staatliche Kontrolle.
Deutlich wird also, dass anstatt mit undeutlichen Umfrageergebnissen in der Hand lauthals an die Öffentlichkeit zu treten, ein sachlicher Diskurs eher angesagt wäre. Dies dürfte seitens Mogris bei einem Verein, der sich Fakten verschließt und stur an der Unterstützung der geplanten Regierungsmaßnahmen festhält, allerdings schwierig sein. Verübeln kann man es letzterem bei einem Klima wie dem Deutschlands aber nicht, wo Bundesminister von Netzkundigen als „Pädokriminellen“ sprechen und sich „betroffen“ fühlen, wenn Leute gegen die Sperrvorhaben mobil machen.
(Quelle: ZEIT ONLINE)



